Was ist [˙le:a]

[˙le:a], das Laboratorium für experimentelle Autor:innenschaft Tübingen-Weimar, ist ein transdisziplinärer Raum, in dem Autor:innenschaft und Textproduktion erprobt werden. Im Zentrum von [˙le:a], steht die Praxis der Verbalisierung, die erst die Autor:innenschaft und den Text hervorbringt.

[˙le:a] versteht Autor:innen als mündige Subjekte, insofern sie die Befähigung (ability) haben, sich zu artikulieren und ihre Worte zu verantworten (responseability). Diese Befähigung zur Antwort bildet die Grundlage von Autor:innenschaft.

In [˙le:a] re-sonieren schreibende und lesende Körper und verzeichnen Spuren zu einem Wege- und Routenverzeichnis.

[˙le:a] ermöglicht das Tun und die Unterbrechung und hinterfragt dabei Muster der Produktivität. Strategien des Nichts-Tuns unterwandern Fortschritts- und Effizienzlogiken, die einer bestimmten Textproduktion (besonders der akademischen) inhärent sind. Demgegenüber soll eine unbestimmte Praxis des Verbalisierens als Resonanzgeschehen erkundet werden.

In [˙le:a] re-sonieren schreibende und lesende Körper und verzeichnen Spuren zu einem Wege- und Routenverzeichnis.

[˙le:a] öffnet Raum und Zeit für diese Form der experimentellen Autor:innenschaft verwirft aber die Idee von Werkganzheit und Abgeschlossenheit. [˙le:a] prozessiert.

Die Lautung [˙le:a] verweist auf die Abkürzung der alten Maßeinheit »Leuge« (lat. leuga, leuca), die eine räumliche Distanz in Zeit bemisst: jene Strecke, die ein Mensch in einer Stunde zu Fuß zurückzulegen kann. Auch im Schreiben finden Körper, Raum und Zeit zusammen. Schreiben ist eine Tätigkeit, die Anstrengung, rhythmische Bewegung und kreative Rast erfordert.

Das Akronym »lea« bezeichnet zugleich noch eine Maßeinheit für Garnlänge und stellt damit einen Bezug zum Schreiben her: So, wie der Faden sich Schlaufe um Schlaufe zum Jersey, Trikot, Pikee und Plüsch vertextet, so entsteht auch Autor:innenschaft als Textur und Gewirk.

[˙le:a] weiß, dass die Gründung von Autor:innenschaft nicht in der Produktion von Texten zu finden ist. [˙le:a] weiß, dass Schreiben sich nicht in der Herstellung von Texten erschöpft.


Wer ist [˙le:a]

[˙le:a] ist eine »Meute«, eine bewegliche Ansammlung von Stimmen, die sich formieren, verändern und wieder zerstreuen. [˙le:a] sind Studierende und Dozierende, Viel- und Wenig-Schreiber:innen. Alle die an [˙le:a] mitschreiben wollen. [˙le:a] um oder neu schreiben wollen.

[˙le:a] ist radikal partizipativ und denkt dabei nicht nur universitär, sondern vernetzt sich auch mit regionalen und überregionalen Institutionen und Partnern. [˙le:a] schreibt immer über den Rand hinaus.


Warum [˙le:a]

Konventionelle Orte der Schreibproduktion (z.B. Universitäten, Redaktionen, Schreibschulen, etc.) erfordern üblicherweise Codes und Chiffren des Zugangs. [˙le:a] soll auf radikale Weise offen und durchlässig sein: ein Raum, der selbst die Räumung in Gang setzt.

Denn das moderne Konzept der Autor:innenschaft ist durch die Entwicklungen algorithmischer Textgeneratoren in einer Krise. Die klassischen Institutionen des Schreibens, insbesondere die Universitäten, müssen auf diese Entwicklungen reagieren.

[˙le:a] sieht aber darin eine Chance: die Chance die uniformen Praktiken des universitären Schreibens durch experimentelle Strategien zu ergänzen. Bisher wurde Studierenden und Forschenden vorrangig die Produktion von Texten nach bestimmten akademischen Standards und Normen beigebracht.

Doch die Frage nach Autor:innenschaft, also die Entwicklung einer eigenen Stimme, eines starken Schreib-, Verbalisierungs- und damit auch Erkenntnisinteresses, fällt nicht in den Aufgabenbereich klassischer Vermittlungsangebote zum wissenschaftlichen Arbeiten.

Deshalb fordert [˙le:a] dazu auf, jenseits der bloßen Reproduktion von Texten, das Schreiben als eine »wirklichkeitsstiftende Praxis« zu begreifen.

Am Ende ihres Studiums verstummen Studierende oftmals in fremden Zungen. Eine zentrale These von [˙le:a] ist, dass die Produktion von Texten nicht zwingend mit der Gründung von Autor:innenschaft1 zusammenfällt.

Deshalb fordert [˙le:a] dazu auf, jenseits der bloßen Reproduktion von Texten, das Schreiben als eine »wirklichkeitsstiftende Praxis« zu begreifen. Dabei möchte es die latenten Verfahrensweisen der Verbalisierung befragen, sie aber nicht in der üblichen Form der Hochschullehre manifestieren. Denn Autor:innenschaft ist keine fixierte Identität, sondern ein Prozess ständiger Veränderung und Verformung.

Ziel ist es, die Schreib- und Lesekompetenz als kulturtechnische Praxis zu vermitteln, die die Bildung und Artikulation einer eigenständigen Stimme unterstützt. Indem Studierende lernen, mit der Offenheit des Schreibens um zu gehen, entwickeln sie eine Artikulationsfähigkeit, die weit über das Schreiben von Texten hinausweist.

  1. Vgl. BARTHES, Roland: De l’oevre au texte, in: Revue d’Esthetique 3 (1971), S. 225–232.
    FOUCAULT, Michel: Qu’est-ce qu’un auteur? Vortrag vom 22. Februar 1969, publiziert in: Bulletin de la Société française de philosophie, 63e année, n°3, Juli-September 1969, S. 97–105.
    BENJAMIN, Walter: Der Autor als Produzent. Manuskript zu einer Rede im Pariser Institut pour l’étude du fascisme (INFA), 27. April 1937. WBA 1078.
    ↩︎